Neurodiverse Pipes & Drums | Stärken entdecken
89. Pipegeflüster der Dudelsackschule | Neurodiverse Pipes & Drums | Stärken entdecken
Neurodiverse Pipes & Drums | Stärken entdecken – ADHS, Autismus und andere Neurodivergenzen in der Pipe and Drum-Musik
In der Dudelsackschule möchten wir uns mit vielen unterschiedlichen Themen rund um das Dudelsackspielen beschäftigen und unserer Community spannende Artikel und Beiträge präsentieren. Neben fachlichen Inhalten sind auch medizinische Erkenntnisse und neue Perspektiven wertvoll, da sie unseren Horizont erweitern und das Verständnis füreinander fördern können. Wir wünschen viel Freude beim Lesen!
Neurodiverse Pipes & Drums | Stärken entdecken: Neurodivergenz ist als Begriff sicher noch nicht jedem vertraut. Es ist der Oberbegriff für neurologische Phänomene wie ADHS und Autismus-Spektrum-Störung (ASS), Dyskalkulie, Dyslexie und zahlreiche Weitere. Zusammengerechnet betreffen Neurodivergenzen bis zu 25% der Bevölkerung (https://de.wikipedia.org/wiki/Neurodiversit%C3%A4t).
„Spezialinteresse“ Piping and Drumming
In einer Pipe and Drum-Band dürften daher bereits statistisch sehr wahrscheinlich auch Menschen mit Neurodivergenzen vertreten sein. Vielleicht sogar noch häufiger als in der Gesamtgesellschaft. Denn sogenannte „Spezialinteressen“ gehören bei Neurodivergenzen wie Autismus und ADHS zum typischen Verhaltensmuster. Spitz formuliert, haben viele neurodivergente Menschen ein etwas ausgefallenes Thema oder Hobby, dem sie sich sehr engagiert widmen. Die Pipe & Drum-Musik würde da gut ins Muster passen.
Allerdings liegen die Unterschiede hier im Detail, denn autistische Personen verfolgen ihr Spezialinteresse meist über lange Lebensphasen hinweg, oft über mehrere Jahrzehnte. Hingegen ist bei Menschen mit ADHS das Streben nach neuen Dingen und Abwechslung stark ausgeprägt, weshalb nach gewisser Zeit und mit fortschreitender Expertise in einem bestimmten Spezialinteresse ihre Begeisterung daran nachlässt. Andere – neue(re) – Dinge sind dann spannender, und das Alte und Bekannte rückt aus dem Blickwinkel.
Die Gehirne neurodivergenter Menschen verarbeiten Informationen anders. Menschen mit ADHS unterscheidet insbesondere die Arbeitsweise ihres Präfrontalen Cortex. (Bildquelle: https://www.scientificanimations.com, CC BY 4.0)
Musikalische Laufbahnen
Ist eine musikalische Laufbahn für eine Person mit ADHS also von vorneherein nur flüchtig und auf Zeit? Und verfolgt eine Person mit Autismus ihre musikalische Leidenschaft stets lebenslang, immer ausdauernd und sehr akribisch? So einfach ist es zum Glück nicht, denn aus einer Diagnose lassen sich die Biografien realer Menschen nur schwer vorhersagen. Zumal es zwischen autistischen und ADHS-typischen Verhaltensmustern erhebliche Überschneidungen gibt. In der Diagnostik erfüllen von den Kindern mit einer ADHS-Diagnose 20 bis 50 % gleichzeitig die Kriterien einer Autismus-Spektrum-Störung. Umgekehrt erfüllen von den Kindern mit einer ASS-Diagnose 30 bis 80 % zugleich die Kriterien einer ADHS-Diagnose.
Menschen mit Neurodivergenzen zeigen also häufig in sich widersprüchliche Verhaltensmuster, die eine erfolgreiche musikalische Laufbahn weder zwingend noch unmöglich machen. Musik ist aus Perspektive der Neurodivergenzen zudem nicht irgendeine beliebige Beschäftigung. Sie ist sensorisch hochgradig vielschichtig: Lautstärke, Töne, Vibrationen, Rhythmen und Dynamiken werden vom Gehirn als intensive Reize wahrgenommen. So scheint es gar nicht verwunderlich, dass bei der Perkussion bereits positive Auswirkungen für neurodivergente Menschen nachgewiesen werden konnten.
Positive Auswirkungen der Musik
Die Forschung zu den Auswirkungen von Musik und musikalischer Praxis auf Neurodivergenzen steht insgesamt noch am Anfang. In einer 2022 veröffentlichten Studie wurden die Auswirkungen des Schlagzeuglernens auf das Verhalten und die Gehirnfunktionen autistischer Jugendlicher untersucht (https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC9191342/). Es konnte gezeigt werden, dass regelmäßiges Trommeln autistischen Jugendlichen mit ADHS dabei half, ihre Konzentrationsfähigkeit zu verbessern und ihr impulsives Verhalten besser zu regulieren.
Trommeln ist eine sich wiederholende, strukturierte Aktivität – genau solche Tätigkeitsmuster bereiten Personen mit ADHS typischerweise große Schwierigkeiten. Jedoch übt das Trommeln offenbar eine besondere Form von Anziehung auf das Aufmerksamkeitsvermögen der Jugendlichen aus. Es fesselt ihre Aufmerksamkeit auf intuitive Weise, was bei einem schnellen und sehr dynamischen Trommelspiel wie in der Dudelsackmusik wohl umso mehr gilt. Der Rhythmus der Musik, das koordinierte Spielen mit anderen Trommlern und Pipern, und die in der Musik eingeschriebenen bedeutungsvollen musikalischen und kulturellen Muster, all das sind potenziell spannende Aspekte für neurodivergente Gehirne.
Die Studie kam zu dem Ergebnis, „dass das Trommeln nicht nur Hyperaktivität und Unaufmerksamkeit bei autistischen Jugendlichen verringert, sondern auch die funktionelle Konnektivität in den Gehirnregionen stärkt, die für die inhibitorische Kontrolle und die Überwachung von Handlungsergebnissen zuständig sind.“ Neurodivergente Gehirne scheinen also vom regelmäßigen Trommeln in vielfältiger Weise zu profitieren. (https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC9191342/)
Jedes Gehirn ist ein Unikat. Daher sind Sensibilität und Verständnis im Umgang miteinander gefragt. (Bildquelle: MissLunaRose12, CC BY-SA 4.0)
Neuroinklusives Musizieren
Für ein gelingendes Miteinander in einer Pipe & Drum-Band oder einem anderen musikalischen Setting ist eine Sache entscheidend: Ein möglichst neuroinklusives Umfeld. Was bedeutet Neuroinklusivität? Die Offenheit für die Unterschiede, die unsere Gehirne in sich tragen, und für die Konsequenzen, die das für uns, unser Verhalten und auch unser Musizieren mit sich bringt. Außerdem meint neuroinklusiv die Bereitschaft, gegenseitig auf diese feinen Unterschiede unserer Gehirne und unseres Verhaltens Rücksicht zu nehmen.
Wo verlässliche Genauigkeit beim Musizieren für eine Person nicht nur wichtig, sondern geradezu essenziell ist, stellt das für eine andere Person eine nur schwer zu erreichende Anforderung dar. Stattdessen sind aber vielleicht Spontaneität und Mut zur Lücke die Stärken genau dieser anderen Person.
Herausforderungen gemeinsam meistern
Jeder Mensch ist anders, das gilt auch und gerade für Menschen mit Neurodivergenzen. Daher lassen sich keine pauschalen Strategien oder Methoden empfehlen, die ein neuroinklusives Musizieren in der Band ermöglich. Vielmehr geht es darum, aufmerksam für die individuellen Bedürfnisse zu sein.
Eine Dyskalkulie (https://de.wikipedia.org/wiki/Dyskalkulie) kann zu Schwierigkeiten im Umgang mit Musiknoten, dem Verständnis für Notenwerte und Spacing, und generell dem Lernen vom Notenblatt führen. Auch Dyslexie bzw. Legasthenie (https://de.wikipedia.org/wiki/Dyslexie) kann für Betroffene mit Schwierigkeiten beim Lesen von Musiknoten einhergehen. Der Bundesverband Legasthenie & Dyskalkulie e. V. hat daher einen Ratgeber „Legasthenie im Instrumentalunterricht“ herausgegeben (https://www.bvl-legasthenie.de/images/ratgeber/11_Legasthenie_Instrumentalunterricht.pdf). Wenn sich Musiknoten vom Blatt als ungeeignetes Mittel zum Erlernen der Tunes erweisen, so mag ein Rückgriff in die Geschichte der britischen Militärtrommler hilfreich sein. In vormodernen Zeiten wurden Trommelgrundtechniken, Rhythmusmuster und festgelegte Schlagfolgen von den Drummern „by rote“ erlernt, also durch Auswendiglernen nach dem Vorbild eines Bandkollegen.
Eine Dyspraxie (https://de.wikipedia.org/wiki/Dyspraxie) erschwert die Körperkoordination, insbesondere die gleichzeitige Bewegung beider Arme und Beine. Beim Marschieren in der P&D-Formation sind genau solche Koordinationsleistungen gefordert, sie zu beherrschen wird oft als „selbstverständlich“ angenommen. Für Betroffene kann das Marschieren in der Formation hohen Stress bedeuten. Es gilt daher Rücksicht auf motorische Schwierigkeiten zu nehmen, und beispielsweise die Aufstellung der Formation und die Platzierung der einzelnen Bandmitglieder entsprechend bewusst vorzunehmen.
Menschen mit ADHS haben meist ein großes Problem mit dem Arbeitsgedächtnis. Dies äußert sich in einer gesteigerten Vergesslichkeit, Schwierigkeiten mit der Aufnahme und Umsetzung von Lernstoff und Anweisungen, sowie in Problemen bei der strukturierten Lösung von mehrschrittigen Aufgaben. Im Bandkontext ist es wichtig, dies nicht als mangelnde Bereitschaft zur Mitarbeit zu deuten. Stattdessen können mehrmalige Wiederholungen des Lernstoffes, schriftlich formulierte Aufgaben etwa per Textnachricht, und verständnisvolle Erinnerungen dem Betroffenen helfen.
Das Selbstlernen und tägliche Üben ist für Menschen mit ADHS eine große Herausforderung, denn ihnen fällt es aus neurologischen Gründen schwer, Routinen zu etablieren und regelmäßige, gleichförmige Aufgaben zu erledigen. Bei der Planung des täglichen Lern- und Übungspensums ist es daher hilfreich, auf den gewissen „Kick“ zu achten. Selbst das kontinuierliche Wiederholen von Rudiments muss nicht monoton sein, sondern kann durch abwechslungsreich gestaltete Übungen und Aufgaben spannend werden. Wenn dann außerdem einzelne Übungsteile auf Video aufgezeichnet werden sollen, um sie bei der nächsten Bandprobe gemeinsam auswerten zu können, wird das tägliche Übungspensum umso motivierender. Eine weitere Strategie, um Menschen mit ADHS bei als monoton empfunden Aufgaben zu helfen, ist das sogenannte Body doubling (https://en.wikipedia.org/wiki/Body_doubling). Diese Technik meint das gemeinsame Erledigen von Aufgaben zusammen mit einer zweiten Person. Es ist dabei nicht entscheidend, ob diese zweite Person tatsächlich physisch anwesend ist, oder nur virtuell, beispielsweise durch eine Videoschaltung. Der positive Effekt auf die Motivierung bei Menschen mit ADHS ist nachgewiesen, und dank moderner digitaler Technik ist ein regelmäßiges gemeinsames Üben per Videoverbindung keine große technische Hürde mehr. Auch musikalisch dürfte sich das häufigere gemeinsame Üben positiv bemerkbar machen. Body doubling ist daher sicher eine Methode, die in jeder Band ihre Berechtigung hat.
Die Reize auf einer Competition werden von neurodivergenten Bandmitgliedern intensiver wahrgenommen. Pausen sind deshalb wichtig. (Bildquelle: k4dordy, CC BY 2.0)
Auftritte und Competitions sind für neurodivergente Menschen oftmals große Herausforderungen. Unbekannte Situationen werden beispielsweise von Menschen mit Autismus als besonders anstrengend und belastend wahrgenommen, denn sie erleben eine Reizüberflutung und damit verbunden ein hohes Stresslevel. Hier gilt es, im Vorfeld möglichst viele Informationen über den Ort und den Ablauf der geplanten Veranstaltung bereitzustellen. Je weniger unbekannt und unvorhersehbar ein Ort bzw. eine Veranstaltung wirken, umso besser lässt sich die Situation bewältigen. Zweitens sollte auf der Veranstaltung ein Zeitpuffer für Pausen eingeplant werden, um die Möglichkeit zum zeitweiligen Rückzug in einen ruhigen Bereich zu bieten. Drittens sind Routinen wichtig, und können den Bandmitgliedern gerade auf lauten Festen und stressigen Competitions sehr helfen. Wenn die Band stets bei solchen Anlässen gewisse Rituale pflegt, gibt dies das Gefühl von Beherrschbarkeit der Situation und damit von Sicherheit.
Bei Auftrittssituationen kann es übrigens passieren, dass Bandmitglieder mit ADHS ihre stärksten Momente zeigen, denn Neuigkeiten sind für sie besonders stimulierend. In einer Band können sich die verschiedenen Neurotypen daher potenziell sehr gewinnbringend verbinden und gegenseitig unterstützen, wenn bewusst mit den Bedürfnissen, Stärken und Schwächen der einzelnen Bandmitglieder umgegangen wird.
Neurodiverse Pipes & Drums
Seit den 1990er-Jahren hat sich der Blick auf Neurodivergenzen geändert. Sie werden zunehmend eher als Unterschiede wahrgenommen, und weniger als Defizite. In der Musik, insbesondere in einer Band, kommt es auf den richtigen Umgang mit solchen Unterschieden an. Wo es ein Bewusstsein für Neurodiversität gibt und ein inklusiver Umgang damit versucht wird, da kann die Vielfältigkeit unserer Gehirne zu einem noch besseren musikalischen Ergebnis führen.
Vor allem profitieren von einem neuroinklusiven Umgang miteinander nicht nur die neurodivergenten Bandmitglieder, sondern alle. Denn wenn wir den Blick genauer auf äußere Reize, Stressfaktoren, Routinen, Motivierung und Motivation legen und bewusste Wege dafür suchen und finden, dann ist das für Jede und Jeden in einer P&D-Band wertvoll.
Jens Crueger begann 2001 mit der Scottish Sidedrum, ist Historiker und lehrt an verschiedenen Universitäten und Hochschulen, u.a. zum Verhältnis von Neurodivergenzen und Kultur. Er promoviert über die Geschichte der Neurodiversitätsbewegung an der Professur für Medizinethik der Universität Potsdam. Bei ihm wurden mehrere Neurodivergenzen spätdiagnostiziert.
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Neurodiverse Pipes & Drums | Stärken entdecken
Jens Crueger begann 2001 mit der Scottish Sidedrum, ist Historiker und lehrt an verschiedenen Universitäten und Hochschulen. In diesem Artikel beschäftigt sich Jens mit den Pipes & Drums in den Kriegen des 20. Jahrhunderts.
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