Ist der Dudelsack ein Instrument oder eine Waffe?
88. Pipegeflüster der Dudelsackschule | Ist der Dudelsack ein Instrument oder eine Waffe?
Ist der Dudelsack ein Instrument oder eine Waffe?
Ist ein Dudelsack, der in einer Schlacht gespielt wird, ein Musikinstrument oder eine Waffe?
Jens Crueger begann 2001 mit der Scottish Sidedrum, ist Historiker und lehrt an verschiedenen Universitäten und Hochschulen. In diesem Artikel beschäftigt sich Jens mit den Pipes & Drums in den Kriegen des 20. Jahrhunderts.
Ist ein Dudelsack, der in einer Schlacht gespielt wird, ein Musikinstrument oder eine Waffe? Auf diese und viele weitere Fragen bekommen wir jetzt eine Antwort. Viel Spaß…
Ist der Dudelsack ein Instrument oder eine Waffe?
Nachdem Englands Truppen 1746 den schottischen Bonnie Prince Charlie in der Schlacht bei Culloden besiegt hatten, urteilte ein englischer Richter im Prozess gegen den Piper John Reid, dass „kein Highland-Regiment jemals ohne Dudelsackspieler marschierte“, weshalb die „Dudelsäcke ein Kriegsinstrument“ seien. Daher solle der Piper Reid gehängt werden, denn er habe „Waffen gegen den König getragen“.
Militärische Pipe Bands im 20. Jahrhundert
Blicken wir auf das 20. Jahrhundert, so waren schottische Dudelsäcke sowohl in zahlreichen Regimentern der britischen Armee, als auch in den Armeen von Commonwealth-Staaten wie Kanada und Australien fest etabliert. Die Pipe and Drum-Formationen in diesen militärischen Verbänden hatten eine ganze Reihe von unterschiedlichen Funktionen. Zentral waren sie (und sind es bis heute) etwa bei der Traditionspflege der Militäreinheiten.
Die Bands waren (und sind) mit ihrer Musik und ihrem zeremoniellen Auftreten wichtig für das Identitätsempfinden ihrer Einheiten. In schwierigen Situationen gelang es ihnen auch häufig, die Moral der Truppe deutlich zu heben. Bei friedlichen Anlässen wie Truppeninspektionen, Paraden und Begräbnissen ein traditioneller Bestandteil der Zeremonie, stellten sie im militärischen Konfliktfall eine Form der psychologischen Kriegsführung dar. Denn ihre unverkennbare und auch im Schlachtlärm weit hörbare Musik hatte wichtige psychologische Effekte auf Freund wie Feind. Auf die eigenen Truppen wirkte sie motivierend, insbesondere wenn die Piper sie ins Gefecht führten. Auf die Gegner hingegen sollte sie eine demoralisierende und einschüchternde Wirkung entfalten.
Moderner Krieg – ohne Pipes?
Das 20. Jahrhundert änderte die Art und Weise, wie militärische Auseinandersetzungen abliefen. Industriell produzierte Waffentechnologien – moderne Maschinengewehre und Artilleriegeschütze, gepanzerte Fahrzeuge und Flugzeuge – veränderten die Gestalt des Krieges und seiner Schlachten. Manche Zeitgenossen des Ersten Weltkrieges stellten daher die Frage, ob im „modernen“ Krieg überhaupt noch ein Platz für ein Traditionselement wie den Dudelsack sei.
In ihrem Buch „The Pipes of War. A Record of Achievements of Pipers of Scottish and Overseas Regiments during the War, 1914-18” schrieben Sir Bruce Gordon Seton und Pipe-Major John Grant über diese Einschätzungen, die auch aus dem Militär geäußert wurden:
„Und so kam es, dass es vielen Beobachtern, ja sogar einem beträchtlichen Teil des Militärs, wahrscheinlich erschien, dass neben dem Kilt, dem Tartan, dem Bonnet, dem Doublet und anderen besonderen Merkmalen der Kleidung schottischer Regimenter auch die Dudelsackpfeife als malerischer Anachronismus angesehen werden musste, der mit den sich ändernden Kriegsbedingungen und dem immer stärkeren Wunsch der hohen Militärbehörden nach einer einheitlichen khakifarbenen Uniformierung und Ausrüstung zum Verschwinden verurteilt war.“ (The Pipes of War, S. 3)
Die psychologische Wirkung von Pipes im Gefecht wurde zu jener Zeit in Frage gestellt, der damalige Modernismus schien auch vor den Pipes nicht halt zu machen:
„In früheren Zeiten, bevor das Gewehr die Taktik revolutionierte und das Schießen auf 100 Meter Entfernung noch unberechenbar war, mag es Gründe für ein Instrument gegeben haben, das erfahrungsgemäß in der Lage war, die Männer in dem psychologischen Moment zu stimulieren, in dem ihre Anstrengungen nachließen; aber ist es vernünftig zu erwarten, dass der gebildete Soldat des 20. Jahrhunderts auf einen solchen Reiz reagiert – selbst wenn es unter den modernen Bedingungen des Gewehr- und Granatfeuers möglich wäre, ihn bereitzustellen?“ (The Pipes of War, S. 3f.)
Zu Beginn des Ersten Weltkrieges im Herbst und Winter von 1914/1915 schienen die Pipe und Drum-Bands der britischen Regimenter tatsächlich fehl am Platz und hatten kaum Gelegenheit, ihre Einheiten in den Kampf zu führen. Es bestand ein Mangel an einsatzfähigen Soldaten, so wurden die Piper und Drummer größtenteils in der kämpfenden Truppe, als Meldegänger, Sanitätssoldaten und in Versorgungseinheiten eingesetzt. Ganze Pipe Bands verschwanden auf diese Weise aus ihren Einheiten.
„Eine Zeit lang schien es, als hätten die Kritiker Recht gehabt und als gäbe es im Krieg des zwanzigsten Jahrhunderts keinen Platz mehr für eine Klasse von Menschen, die dazu bestimmt war, zu verschwinden, so wie es der Barde und der Harfenspieler in längst vergangenen Tagen getan hatten.“ (The Pipes of War, S. 18)
Letztlich überwog aber in vielen Regimentern das Bewusstsein für die motivierende und identitätsstiftende Wirkung der Dudelsackmusik. Obwohl sich die meisten Regimenter bemühten, die Piper nicht größten Gefahren auszusetzen – waren ausgebildete Pipe und Drum-Musiker doch schwer zu ersetzen. Dennoch standen Dudelsackspieler in vielen Gefechten in den vordersten Reihen und spielten von dort.
Pipes im 1. Weltkrieg
Die Dudelsackspieler des 2nd Battalion der The London Scottish spielten sowohl in Flandern und Frankreich als auch im Nahen Osten und Griechenland. Dabei machten sie die besondere Erfahrung, dass es in den trockenen Wüstengegenden oft Probleme mit den Chanter Reeds gab, die Piper mussten ihre knappe Wasserration zu Hilfe nehmen, um die Rohrblätter zu befeuchten. (The Pipes of War, S. 144)
Im Kampf gegen Truppen des Osmanischen Reiches spielte der Überraschungsfaktor eine zentrale Rolle. Die Dudelsackspieler des 2nd Battalion der The London Scottish hatten deshalb keine Gelegenheit, ihre Einheiten mit Musik ins Gefecht zu führen. Dennoch galten sie als „unschätzbar wertvoll, um die Männer auf den langen Wüstenmärschen bei Laune zu halten, dass sie so weit wie möglich für diese Aufgabe reserviert wurden“. (The Pipes of War, S. 144)
Die Pipe Band der 52nd (Lowland) Division wurde erst im Oktober 1915 auf der Halbinsel Gelibolu (früher Gallipoli) gegründet. Der traurige Hintergrund war, dass in den Gefechten der vorangegangenen Monate so viele Piper und Drummer getötet worden waren, dass die Pipe Bands der auf der Halbinsel eingesetzten Bataillone nicht mehr existierten. (The Pipes of War, S. 32) Ein Offizierskomitee, dass angesichts einer „trostlosen“ militärischen Lage nach Unterhaltungsmöglichkeiten für die Truppe suchte, entschied sich schließlich zu der Neugründung der Pipeband, um die Soldaten „bei Laune zu halten“. Aus den verbliebenen Musikern der Dudelsackbands – zwölf Dudelsackspielern und sechs Trommlern – wurde daher eine Divisionsband zusammengestellt. Darunter befanden sich einige sehr gute Spieler und Mitglieder renommierter schottischer Bands, die fortan musikalisch stetige Fortschritte machten und „bald in bester Verfassung“ waren. (The Pipes of War, S. 149) Um die Band zu schonen, wurde sie nicht in Kampfeinsätze geschickt. Ihre wichtige militärische Rolle bestand darin, allmorgendlich und häufig unter Granatenbeschuss „Hey Johnnie Cope” anzustimmen – was deutlich auch in der Schusslinie zu hören war. (The Pipes of War, S. 32) Nach der Evakuierung der Truppen erhielt die Pipeband später die Gelegenheit, die 52. Division bis nach Palästina zu begleiten. Sie gilt als die erste Dudelsackband überhaupt, die im „Heiligen Land“ gespielt hat. (The Pipes of War, S. 150)
Die Piper des Canadian Scottish 16th Battalion gingen mit ihren Leistungen während des Ersten Weltkrieges in das kulturelle Gedächtnis Kanadas ein. In der Zweiten Flandernschlacht bei Ypern im April 1915 und der Schlacht bei Festubert im Mai 1915 fielen je zwei ihrer Piper. Bei der Schlacht an der Somme begleiteten am 8. Oktober 1916 vier Piper, unter ihnen der zwanzigjährige James Cleland Richardson, den kommandierenden Offizier beim Angriff. Unter schwerem Beschuss spielten die Piper ihre Instrumente und führten das Bataillon über 800 Meter weit auf die deutschen Stellungen zu. Richardson und Park überlebten diesen Einsatz nicht. Richardson, der zwischenzeitlich einen Verwundeten zurück zu den eigenen Linien gebracht hatte, wollte noch seine Pipes vom Schlachtfeld holen und wurde danach nie wieder gesehen. Posthum wurde ihm das Victoria Cross verliehen, die höchste Kriegsauszeichnung des Vereinigten Königsreiches.
James C. Richardson
James C. Richardson im Gefecht, Gemälde von James Prinsep Beadle (gemeinfrei / public domain)
Es folgten weitere Einsätze, bei denen die Piper unter Einsatz ihres Lebens ihr Instrument im Gefecht spielten. 11 der Piper des Canadian Scottish 16th Battalion wurden für ihre militärischen Leistungen mit Orden ausgezeichnet, jeder von ihnen hatte zuvor mindestens zweimal die Truppen ins Gefecht begleitet. (The Pipes of War, S. 28) Das Kurzfilmprojekt „Sound oft the Somme“ aus dem Jahr 2025 griff die Geschichte des Pipers James Cleland Richardson auf und stellte ihn ins Zentrum der Filmhandlung.
Pipes im Zweiter Weltkrieg
Im Zweiten Weltkrieg war die Waffentechnik im Vergleich zum Ersten Weltkrieg noch deutlich weiter fortgeschritten. Dennoch spielten Pipes auch hier eine Rolle. So sind sie etwa für die Kämpfe bei El Alamein, Dieppe, in der Normandie und beim Übergang über den Rhein belegt. Allerdings war von der Brittschen Armeeführung die Verwendung des Dudelsacks nur in rückwärtigen Gebieten erlaubt.
Bill Millin 1944
Bill Millin spielt für Kameraden (Imperial War Museum, Bild gemeinfrei / public domain)
Einer der bekannten Fälle eines Einsatzes der Bagpipe im Gefecht ereignete sich am 6. Juni 1944 bei der Landung in der Normandie, am sogenannten „Sword Beach“. Bill Millin war persönlicher Piper des Kommandeurs der britischen 1st Special Service Brigade, Simon Christopher Joseph Fraser, 15th Lord Lovat. Fraser war der letzte schottische Clanchef, der eine militärische Einheit ins Gefecht führte. Als ihre Einheit am Strand anlandete, befahl Fraser seinem Piper Millin zu spielen. Als Milling entgegnete, dass dies der Direktive der Britischen Armee widerspreche, soll Fraser geantwortet haben: „Ah, aber das ist das englische Kriegsministerium. Sie und ich sind beide Schotten, und das trifft auf uns nicht zu.“
Am 26. Juni 1944 wurden die 7. Seaforth Highlanders von spielenden Pipern im Rahmen der Operation „Epsom“ begleitet. Hiervon gibt es mehrere ikonische Fotografien.
7th Seaforth Highlanders
Soldaten der 7. Seaforth Highlanders mit Piper während der Operation „Epsom“ (Imperial War Museum, Bild gemeinfrei / public domain)
Pipes nach 1945
Auch nach dem Zweiten Weltkrieges blieben Pipes – anzunehmenderweise – stets überall dort präsent, wo Soldatinnen und Soldaten aus Commonwealth-Einheiten mit ihren Pipe Bands eingesetzt wurden. In Gefechten wurden die Instrumente jedoch nicht mehr eingesetzt, die immer weiter fortschreitende Modernisierung von Waffentechnik und Kampftaktiken hat die Pipes letztlich im Gefecht obsolet gemacht. In der Traditionspflege und für die Identitätsstiftung der Truppen bleibt die Great Highland Bagpipe aber weiterhin ein ganz wesentlicher Bestandteil militärischer Alltagskultur.
Jens Crueger
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